Teamwork am Huf: Wenn bei älteren Pferden Fingerspitzengefühl das Standardprotokoll ersetzt
Teamwork am Huf: Wenn bei älteren Pferden Fingerspitzengefühl das Standardprotokoll ersetzt
In der therapeutischen Hufrehabilitation gibt es Fälle, die uns in der Praxis vor besondere Herausforderungen stellen. Nicht immer ist der Lehrbuchweg auch der beste Weg für das Tier. Ein aktueller Fall aus meinem Alltag zeigt eindrücklich, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen tierärztlicher Diagnose, der Pflege des Pferdebesitzers und der Routine des Bearbeiters ist – und warum man manchmal mutige Entscheidungen zum Wohl des Pferdes treffen muss.
Die Ausgangslage: Ein Hufgeschwür mit weitreichenden Folgen
Wir wurden zu einem älteren Pferd gerufen. Die ursprüngliche Ausgangslage war ein Hufgeschwür, das sich bereits den Weg nach oben gesucht und am Kronsaum selbstständig geöffnet hatte. Im Zuge der genauen Betrachtung zeigte sich dann jedoch das volle Ausmaß: Das Grundproblem war eine Hornsäule, die sich vermutlich infolge eines viel früher stattgefundenen, alten Geschwürs gebildet hatte und tief bis zur Sohle reichte. Zu allem Überfluss hatte diese strukturelle Schwachstelle und der offene Defekt im Vorfeld einen Madenbefall begünstigt, wodurch der Huf massiv in Mitleidenschaft gezogen war.
Glücklicherweise hatte die Besitzerin hier bereits hervorragende Vorarbeit geleistet. Der Madenbefall war durch ihre konsequente Pflege bereits so gut eingedämmt, dass bei der Eröffnung des Hufes keine Parasiten mehr bis tief ins Gewebe zu finden waren. Dennoch musste das nekrotische (abgestorbene) und defekte Material dringend entfernt werden, um den Druck aus der Hufkapsel zu nehmen und eine gesunde Basis für das nachwachsende Horn zu schaffen.
Das Dilemma: Narkoserisiko und mein „Plan B“
Normalerweise erfordern solch tiefgreifende Resektionen eine Sedierung des Pferdes, um eine sichere und schmerzfreie Behandlung zu gewährleisten. Doch hier deckte sich der tierärztliche Rat im Vorfeld zu 100 % mit meiner eigenen fachlichen Einschätzung: Hohe Sommertemperaturen und das fortgeschrittene Alter des Patienten machten eine Sedierung zu einem massiven Herz-Kreislauf-Risiko.
Ich selbst rate in solchen kritischen Situationen immer dringend von einer Sedierung ab, sofern sich der Eingriff schonend und sicher am wachen Tier durchführen lässt. Wer in der Praxis regelmäßig mit extremen Befunden konfrontiert ist – seien es zahlreiche schwere Hufkrebs-Fälle wie im vergangenen Jahr, hochkomplexe Rehepferde oder andere problematische Hufbefunde –, weiß, worauf es in solch heiklen Momenten ankommt. Man lernt, die Situation instinktiv richtig einzuschätzen.
Auch wenn ich nicht direkt mit dem Tierarzt vor Ort kommuniziert habe, zogen wir in der Koordination am selben Strang. Wir entschieden uns, das Eröffnen des Defekts unsediert zu wagen. Das war jedoch keine unüberlegte Aktion auf gut Glück: Um die Situation für alle Beteiligten zu entspannen, hatte ich der Besitzerin im Vorfeld als „Plan B“ einen festen Ausweichtermin vorgeschlagen – für den Fall, dass das Pferd die Behandlung ohne Sedierung nicht toleriert hätte.
Pures Vertrauen am Hinterhuf
Was dann passierte, zeigt, warum ich diesen Beruf so liebe. Ich musste am stehenden, unsedierten Pferd auf den Knien am Hinterhuf arbeiten – eine Position, die bei Fluchttieren bei schmerzhaften Prozessen enorm riskant sein kann, da sie ein kundenpferd ist sind wir uns zum vorteil nicht Fremd.
Doch das Pferd machte absolut problemlos mit. Da das zu entfernende Gewebe durch den Defekt bereits abgestorben war und die laufende Antibiose griff, zeigte es keinerlei Schmerzreaktion. Im Gegenteil: Das Tier schien genau zu spüren, dass ihm geholfen wird und der unangenehme Druck im Huf mit jedem Abtragen des Materials nachließ. Dieses ruhige Stehen war ein enormer Vertrauensbeweis in unsere Arbeit, wodurch mein vorgeschlagener „Plan B“ zum Glück in der Schublade bleiben konnte.
Aus Rücksicht auf die fehlende Sedierung und die Umstände entschieden wir uns bewusst dagegen, die Hornsäule in diesem Moment radikal bis zur Sohle durchzuöffnen. Wir entfernten exakt so viel wie nötig, um den Huf zu entlasten, ohne den Patienten zu überfordern.
Der Weg nach vorn: Statik, Mechanik und Aluminium
Der Defekt muss nun von oben nach unten herauswachsen. Für mich als Bearbeiter beginnt jetzt die mechanische Herausforderung. Wenn so viel Wandmaterial fehlt, wird die Hufkapsel instabil. Die Scherkräfte beim Auf/Abfußen könnten dazu führen, dass die Kapselhälften sich gegeneinander verschieben oder der Huf weiter aufreißt und schlimmstenfalls Bricht daher ist laufende kommunikation aller bis wiederherstellung der stabilität lebensnotwendig, daher sind solche eingriffe in solchen ausmaß wie auch viele andere Themen nur von den auszuführen die genau wissen was sie tun, das ist kein einfach mal auf machen und schauen.
Unser Rehabilitationsplan sieht daher folgende Schritte vor:
- Leichte Stabilisierung: Sobald Instabilität auftritt, nutzen wir einen Alubeschlag, um die Scherkräfte aufzunehmen und gleichzeitig die älteren Gelenke durch das geringe Gewicht zu schonen.
- Die mechanische Brücke: Eine verschraubte Aluminiumplatte über dem Spalt verbindet die Hufhälften starr miteinander und blockiert zerstörerische Bewegungen in der Kapsel.
- Sicherer Halt: Erfreulicherweise bietet die Kapsel genug Material und eine hervorragende Hornqualität, um diese Konstruktion absolut sicher und schonend zu nageln.
- Langfristige Entlastung: Wenn der Spalt weit genug herausgewachsen ist, wechseln wir auf einen geklebten Hufschutz („Glueschuh“), um die Hornkapsel in der Endphase komplett von Erschütterungen zu befreien.
Fazit: Gelebter Tierschutz durch Erfahrung und Vertrauen
Dieser Fall beweist: Die beste Lösung für das Pferd entsteht, wenn alle Rädchen ineinandergreifen. Eine engagierte Besitzerin, die sofort handelt, ein Tierarzt, der das Narkoserisiko richtig bewertet, und ein erfahrener Bearbeiter, der aus der täglichen Praxis heraus vorausschauend plant und solche Befunde mit der nötigen Ruhe physisch löst.
Dieser Beitrag entstand auf vielfache Anfrage vieler Kunden, die mitbekommen haben, dass wieder etwas Interessantes ansteht. Diesem Wunsch komme ich sehr gerne nach und berichte euch hier mal im Allgemeinen zu diesem Fall. Warum mache ich so etwas überhaupt? Im Grunde ganz einfach: Ihr fragt oft, es ergeben sich Themen, und ich versuche, diese nach bestem Wissen aus der Praxis zu vermitteln. Das Ziel sind eine bessere Reaktion und mehr Wissen bei den Kunden, falls einmal so etwas eintritt, um die Erstversorgung und das Einschätzungsbewusstsein zu stärken, damit ihr besser und gezielter auf solche Situationen reagieren könnt. Die vielen Anfragen zu solchen Themen zeigen, dass ihr reges Interesse habt.

